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Und noch ein Großzitat. 🙂
An dieser Stelle das komplette Interview mit Hugo-Egon Balder
aus der September-Ausgabe der Penthouse 1990.

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PENTHOUSE-INTERVIEW
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„Natürlich hat Tutti Frutti kein Niveau. Aber es geht ja auch nicht um irgendwelche Quizfragen, sondern ums Ausziehen. Ganz einfach“

HUGO EGON BALDER

„So, und jetzt hat der liebe Freddy die Chance, seinen zweiten Länderpunkt zu machen!“ Sonntags abends in Deutschland. Ab 23.00 Uhr verfolgen über drei Millionen Unerschütterliche angespannt die RTL-Nackedei-Show „Tutti Frutti“.
Zwischen mit Fruchtsymbolen verhüllten oder bereits ausgepackten Damen sieht man eine schlaksige Gestalt ungelenk durch die billigen Pappkulissen hüpfen. Ihr Rücken ist gebeugt, die Augen sonderbar tot und abwesend, und der schwarze Smoking sitzt miserabel – der Moderataor. Die Hauptzielscheibe der bundesweiten Kritik. Sein Name: Hugo Egon Balder. Sein Alter: 40 Jahre.
Ein Mann, der sein „Tutti Frutti“-Image bei unserem Gespräch sofot abstreift und vergessen lässt. Sein Tonfall ändert sich, die Gesichtszüge kommen in Bewegung, nervöse Hektik wechselt in relaxte Entspanntheit, und plötzlich hat man einen ganz anderen Menschen vor sich, als man von der Mattscheibe noch zu kennen glaubte. Ein Mensch, der in angenehmem Plauderton einen Lebenslauf herunterrattert, der schon jetzt eine 500 Seiten starke Biographie füllen könnte: Bereits im Alter von 17 Jahren gründet Balder die legendäre, auch international äußerst erfolgreiche Deutsch-Rock-Gruppe „Birth Control“. Aus gesundheitlichen Gründen (Balder: „Damals war ich noch dünner als heute.“) muss er diese Karriere 1973 abbrechen und besucht fortan die Schauspielschule Berlin. Die folgenden Jahre sind mit Kabarett-Shows und einem Engagement am Berliner Schillertheater gefüllt. 1976 erscheint seine erste Solo-LP „Elvira, hol Dein Strumpfband ab!“. Seit 1979 regelmäßig Radiosendungen bei RTL. Zwischendurch Arbeit beim Düsseldorfer „Kommödchen“, die ZDF-Sendung „Rück-Show“ und Frank Zanders „Vorsicht Musik“, wo er in einem Fell-Kostüm den Stoff-Hund (!) „Herrn Feldmann“ verkörpert. Bundeseit bekannt wird er schließlich durch die Hit-Single „Erna kommt“ (1985), die RTL-Tortenschlacht-Sendung „Alles Nichts, Oder?!“ und natürlich – „Tutti Frutti“. Vorerst Endstation eines ungewöhnlichen Werdeganges? Oder gar das Todesurteil für eine weitere Karriere am Fernsehschirm?
Vor PENTHOUSE-Mitarbeiter Stefan Kassel ließ der „Herr der Möpse“ („stern“) die Hosen runter.
P: Fürchten Sie nicht, jetzt für immer und ewig als „der Typ von der Titten-Show“ festgelegt zu sein?
B: Tja, um ehrlich zu sein, das ist schon ein Problem. Wenn ich die Sache jetzt noch zwei, drei Jahre weitermache, muss ich da schon Angst vor haben. Andererseits sage ich mir, in drei Jahren kann sich schon so viel im Denken und in den Moralvorstellungen geändert haben, dass „Tutti Frutti“ eine stinknormale Sache ist. Vielleicht gibt es dann etliche ähnliche Sendungen, und jedermann hat sich daran gewöhnt.
P: Wie kamen Sie überhaupt zu „Tutti Frutti“?
B: Das ist im Grunde eine ganz simple Geschichte. Mein RTL-plus-Programmdirektor Dr. Thoma hatte das italienische Vorbild zu „Tutti Frutti“, das täglich erscheinende „Colpo Grosso“ (Der große Hammer), gesehen und war begeistert. Er zeigte mir ein Video mit der Originalshow und fragte mich, ob ich interessiert sei. Ich fand die Show sehr interessant und sagte, Interesse vorhanden, aber ich muss erst mit meiner Frau darüber sprechen, denn sowas entscheide ich grundsätzlich nicht allein…
P: Und Ihre Frau packte das kalte Grauen?
B: Nein, überhaupt nicht. Meine Frau ist Französin und hat deswegen schon von Vornherein ein anderes Denken als wir Deutschen. Sie fand die Sendung genausowenig schlimm wie ich, also sagte ich: Okay, wieso nicht?
P: Ein finanzieller Anreiz spielte keine Rolle?
B (lacht): O nein, weiß Gott nicht, wegen des lieben Geldes habe ich das nun wirklich nicht gemacht. Für das gane Ding habe ich wirklich nicht mehr als ’nen Appel und ’n Ei bekommen.
P: Tatsächlich?
B: Ja, ja, ich sag jetzt sag‘ jetzt nicht, wieviel ich exakt bekommen habe, aber wenn Sie die genaue Summe kennen würden, würden Sie wahrscheinlich auch sagen: Das darf doch nicht wahr sein! Aber schließlich haben wir die 53 Sendungen auch innerhalb kürzester Zeit on Mailand durchgezogen. Im Schnitt haben wir pro Tag drei Shows aufgezeichnet.
P: Waren die Kritiken schlimmer, als ein „beischeidenes Entgelt“ aufzuwiegen vermag?
B: Das ist es ja gerade. Mich hat vor allem diese spezielle Situation gereizt. Das Spannende war ja, zu sehen, was jetzt auf mich zukommt.
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P: Über mangelnde Anteilnahme können Si
e sich ja nicht gerade beklagen?
B: Um ehrlich zu sein, ich hatte einiges erwartet, aber mit so viel Wirbel habe ich wirklich nicht gerechnet.
P: Wie sehen die Reaktionen genau aus?
B: Von Zuschauerseite etwa so, wie wir es erwartet haben. Die Männer finden die Show  natürlich toll, super und geil. Klar. Es gibt sogar schon die ersten „Tutti Frutti“-Fanclubs, die sich jeden Sonntagabend zusammenhocken. Natürlich bekommen wir auch ganz ehrliche Zuschriften, wo drinsteht: He, he, Eure Sendung ist ja ganz schön dämlich, so richtig doof, aber man kann so schön dazu wichsen…
P: Und wie ist die Reaktion der Frauen?
B: Überraschend viele Frauen sehen die Sendung regelmäßig, und wir haben unzählige Zuschriften bekommen, wo Frauen auch Strips von Männern, also nackte Gleichberechtigung fordern. Vielleicht wird das eingeführt, wenn die Sendung fortgesetzt wird. Natürlich gab es von Frauenseite aber auch etliche empörte Stimmen, die von „Entwürdigung der Frau“ und so weiter sprechen.
P: Gab es konkrete Drohungen gegen die Sendung?
B: Drohungen nicht gerade, der „Luxemburgische Frauenverband“forderte RTL allerdings dazu auf, das L aus RTL zu streichen, weil man, wenn man eine Sendung wie „Tutti Frutti“ ausstrahle, angeblich kein Recht mehr habe, Luxemburg im Namen zu tragen.
P: Wie kamen Sie mit den Kandidaten klar?
B: Völlig problemlos. Alle waren bereits in Castings getestet und auch auf „Strip-Tauglichkeit“ überoprüft worden. Den einzigen Zwischenfall hatten wir mit der Redakteurin der österreichischen Lifestyle-Zeitung „Basta“. Sie wollte als Kandidatin dabeisein und das später zu einer Story verarbeiten. Okay, wir hatten nichts dagegen. Während der Aufzeichnung fing sie dann an, Ärger zu machen, zu bocken. Fragen nicht zu beantworten etc. Hatte wohl ’ne Art Psycho-Meise, die Alte. Die Show müssen wir jedenfalls im Archiv verschwinden lassen.
 P: 1991 soll „Tutti Frutti“ in neuer Aufmachung weitergehen. Wie viele Kandidaten haben sich denn bis jetzt für die zweite „Tutti Frutti“-Staffel beworben?
B: Die Resonanz ist unglaublich. Über 20.000 sind es jetzt schon.
P: Lohnt sich das Mitspielen eigentlich für die Kandidaten?
B: Nun ja, sie bekommen die Reise nach Mailand zu den Dreharbeiten und drei Tage Aufenthalt bezahlt, und für den Sieger gibt es jeweils 1.000 ECU, die neue europäische Währung, also 3.000 Mark.
P: Ein festes Honorar fürs Mitmachen und Ausziehen gibt es nicht?
B: Nein.
P: Sie haben bei den Aufzeichnungen mit dem kompletten Team und den Girls des italienischen Originals in den Original-Studios kooperiert? Wie lief die Zusammenarbeit ab?
B: Wir hatten eine unglaublich gute Atmosphäre. Es ist ein ganz anderes Arbeiten in Italien als hier bei uns. Der Arbeitstag beginnt mittags. Erst mal wird zusammen gegessen, gesungen und gelacht. Und dann macht man sich in völlig entspannter und lockerer Atmosphäre and die Arbeit. Meine Frau spricht sehr gut italienisch und half uns dort als Dolmetscherin, wir waren wirklich ein Spitzenteam dort unten.
P: Musste Ihre Frau bei der täglichen Reizüberflutung denn nicht ein strenges Auge auf Sie werfen?
B: Nein, nein, sie hatte wirklich keinen Grund, eifersüchtigm zu sein. Die Mädels sind einfach Arbeitskollegen und obendrein besonders gute. Alle, wirklich alle, sind unheimlich nett und Vollprofis, die unglaiblich korrekt und auf den Punkt arbeiten. Bei drei Shows am Tag ist das eine wirklich immense Leistung.
P: Gab es Eifersüchteleien hinter den Kulissen, wie man sie beispielsweise zwischen Monique und Tiziana vor der Kamera sieht?
B: Überhaupt nicht, dafür sind die Girls einfach zu professionell.
P: Was verdienen die Damen pro Show?
B: Keine Ahnung, ich nehme aber an, dass es sich schon lohnt. Sonst würden sie es wahrscheinlich auch nicht machen. In Italilen sind die jedenfalls schon kleine Berühmtheiten.
P: Hagelt es viele Heiratsanträge?
B: Ja, reichlich, es ist kaum zu glauben.
P: Welche Damen erhalten die häufigsten Angebote?
B: Ganz vorn liegen meine Assistentinnen Nora, Monique und Tiziana. Und vom „Tutti Frutti“-Ballett hat die Mandarine, das ist Angelique aus Holland, die meisten Heiratsanträge bekommen.
P: Haben Sie selbst auch schon Heiratsanträge bekommen?
B: Nein, noch keinen einzigen.
P: Mag das daran liegen, dass sie von einem Großteil der Presse fertiggemacht werden?
B: Mein Problem ist ja, dass alles, was ich in dieser Show sage, ernst genommen wird. Bei jeder ironischen Bemerkung oder Selbstverarschung in „Tutti Frutti“ muss offenbar ganz groß „Achtung: Ironie! Jetzt lachen!“ eingeblendet werden, damit die Presse merkt, dass wir die Show selbst nicht ernst nehmen. Unser Konzept war von vornherein, uns praktisch selbst hochzunehmen und alles in einem flapsigen Stil zu verkaufen. So machen wir dann halt auch Witze über den Applaus, der bei uns natürlich vom Band kommt. Ich könnte diese Sendung gar nicht ernsthaft verkaufen.
P: Wie kommt das Publikum mit diesem im deutschen Fernsehen neuen Stil klar?
B: Hervorragend, die lachen natürlich mit. Die sind froh, mal was anderes zu sehen. Auf der Straße oder im Supermarkt habe ich nur positive Reaktionen. Manche sagen sogar zu mir: Komm, nimm die Presse nicht ernst, mach bloß weiter so! Nur die Journalisten sehen wirder alles furchtbar eng. Unser Problem ist ja nie das Publikum, sondern immer die Leute, die nachher darüber schreiben.Würden die die Volksmeinung repräsentieren, müssten wir eigentlich Null Prozent Einschaltquote haben. Ich mach‘ die Sendung für die Zuschauer. Punkt und aus.
P: Besonders die „Bild“-Zeitung scheint „Tutti Frutti“ den Krieg erklärt zu haben: Süße Girls, unerträglicher Moderator. Stört Sie das?
 B: Nur ein Beispiel zum Thema „Bild“: Wenn ich die Spielregeln während der Sendung in einer Minute auf blöd erkläre und dann die Zuschauer frage: Na, haben Sie das jetzt verstanden?! Nee? Egal, ich nämlich auch nicht! Weiter! Dann steht am nächsten Tag in „Bild“: „Balder kann seine eigenen Spielregeln nicht erklären!“ Die Jungs sind so dämlich, es ist wirklich nicht zu glauben. Aber im Grunde sind die ja froh, dass es mich gibt, damit sie was zu schreiben haben.
P: Ein Vorschlag, Herr Balder. Wir geben Ihnen zehn Minuten – können Sie die Spielregeln innerhalb dieser Zeit erklären?
B: Ja, ach nein, darum geht’s doch auch nicht. Bei „Tutti Frutti“ geht’s ja nicht um irgendwelche Quizfragen, sondern ums Ausziehen! Ganz einfach!
P: Warum singen Sie eigentlich zwischen den Strips? Wirkt sich das nicht negativ auf die Einschaltquoten aus?
B: Das ist reiner Jux. Wir machen das eigentlich nur, weil Roberto [Anm.d.Red: ja, die Penthouse hat tatsächlich ‚Roberto‘ geschrieben!], der Moderator des italienischen Originals, das auch macht. Ich weiß selbst, dass ich kein Pavarotti bin, aber das ist sowieso nur völlig unwichtige Auflockerung.
P: Was sagen Sie zu dem oft erhobenen Vorwurf, „Tutti Frutti“ würde sämtliche Grenzen dern Niveaulosigkeit noch spielend unterbieten?
B: Natürlich hat das Ding kein Niveau. Ganz klar. Die Fragen für die Kandidaten sind so simpel wie irgend möglich. Hätten wir anspruchsvollere Fragen, bräuchten wir auch andere Kandidaten. Wir haben’s ausprobiert. Was soll ich denn machen, wenn ich frage: „Wer schrieb Schillers Glocke?“ und zur Antwort „Goethe“ bekomme? Aber, wie gesagt, darum geht es ja auch gar nicht.
P: Finden Sie „Tutti Frutti“ erotisch?
B: Na, das ist doch das Harmloseste, was es gibt. An jedem Strand, in fast jeder Werbung siehst Du doch heute mehr. Deswegen verstehe ich auch nicht, warum sich die Gemüter darüber so erhitzen. Bei uns wird die Nacktheit wenigstens ehrlich gezeigt, ohne dass wir uns irgendeines falschen Anspruchs brüsten. Das ist ehrlicher, als es die Öffentlich-Rechtlichen machen. Die zeigen irgendeine pseudo-anspruchsvolle Reportage über das Kulturleben an der Côte d’Azur, wo dann doch nur barbusige Tantchen durchs Bild wackeln. Oder nimm irgendwelche hochintellektuellen „Fernsehspiele“, die sich dann als getarnte Pronos mit Gudrun Landgrebe entpuppen. Verlogen nenne ich das!
P: Was finden Sie selbst erotisch?
B: Mir gefällt natürlich jede hünsche Frau. Es kommt aber vor allem darauf an, wie sie sich gibt. Es kann eine Kleinigkeit sein, ein klitzekleines Detail. Eine Frau kann wahnsinnig erotische Hände haben oder ganz tolle Augen oder einfach erotische Grübchen. Es hängt wirklich nicht immer von Strapsen ab.
P: Gibt es im deutschen Fernsehen eine Sendung, die sie erotisch finden?
B: Nö.
P: Wie kam es zu den Problemen, die „Tutti Frutti“ mit der Landesmedienanstalt hat?
B: Wir Deutschen sind das einzige Volk, das eine Anstalt dafür hat, die uns sagt, was wir sehen dürfen. Die Landesmedienanstalt versucht alle, um uns aus dem Programm zu drängen. Sie haben uns z.B. dazu verpflichtet, alle paar Sekunden eine Werbe-Kennung einzublenden, weil ein paarmal in der Show das „Neue Revue“-Logo auf eineigen Bademänteln zu sehen ist. Die „Neue Revue“ hat das Casting der Kandidaten übernommen, ist aber nicht einmal Sponsor der Sendung. In anderen europäischen Ländern kannst Du gane Sendungen an Coca-Cola verkaufen, und es interessiert kein Schwein. Wir hinken, was Fernsehen und Rundfunk anbelangt, mindestens 20 bis 25 Jahre hinter anderen Ländern her. Im Grunde ist das natürlich auch eine politische Frage.
P: Was heißt das?
B: Es geht um Parteibuch-Klüngel und Privilegien, um die man bei der Landesmedienanstalt und beim Rundfunk fürchtet. Je mächtiger die Privaten werden, desto mehr bekommen die Öffentlich-Rechtlichen kalte Füße, und bei uns werden deshalb die Schrauben angezogen. Solange diese Zustände bleiben, werden es alle Privaten sehr schwer haben.
P: Die weitere Existenz von RTLplus und „Tutti Frutti“ steht also in den Sternen?
B: Ich bin sicher, wir werden uns durchsetzen. Vor fünf Jahren hätte noch niemand einen Pfifferling für RTLplus gegeben. Heute haben wir stetig steigende Einschaltquoten und volle Werbebuchung. „Tutti Frutti“ werden wir auf jeden Fall fortsetze, aber wahrscheinlich in veränderter Form, über die zur Zeit noch diskutiert wird.
P: Heißt das, dass „Tutti Frutti“ schärfer wird?
B: Nee, schärfer auf keinen Fall. Im holländischen Fernsehen gibt es sowas, den „Pin-Up-Club“. Das ist viel schärer, da geht es richtig zur Sache, das ist fast Porno. Kräht da drüber natürlich kein Hahn nach, aber hier ginge das nicht.
P: Würden Sie denn gerne schärfer werden, sofern das rechtlich ginge?
B: Nein, das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen bloß Wiederholungen vermeiden. Das heißt, wir brauchen andere Spielteile, ein besseres Bühnenbild, einfallsreichere Strips, mehr Glamour. Kurz, es soll interessanter werden. Eine richtige Show.
P: Halten Sie es für möglich, Ihre Sendung mit prominenten Kandidaten zu bestücken, die bereits sind zu strippen?
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B: Möglich ist da theoretisch schon. Wor haben das auch schon überlegt. Es gibt nur ein Problem: Nach drei Sendungen müssten wir todsicher aufhören. Mehr würden da nicht mitmachen.
P: Woran liegt das?
B: Bei uns geht das doch schon mit der Frage los: Was ist Unterhaltung? Versuch doch mal, einen ernsthaften Schauspieler überhaupt in eine Unterhaltungssendung zu kriegen. Da fängt das Problem ja schon an.
P: Dabei fördern Auftritte dieser Art doch die Popularität, erhöhen den Marktwert. Wird da nicht etwas zu kurz gedacht?
B: Die Leute sind sich doch alle zu schade, einen Spaß, eine Unterhaltung mitzumachen. Auf deutsch: Sie haben Angst um ihr Image. Leider, leider. Als Gottschalk damals seine erste „Wetten dass…?“ gemacht hat, waren schon eine Woche vorher die Zeitschriften voll damit, was der wohl für Klamotten anziehen wird. So was darf doch wirklich nicht wahr sein. So wichtig nimmt sich der Gottschalk doch nicht einmal selber. Kein Wunder, dass das die Prominenten verunsichert.
P: Würden Sie sich selber ausziehen?
B: Das ist auch wieder so eine Frage. Da kann ich im Grunde nur mit einer Gegenfrage antworten: Warum beantwortet Wim Thoelke keine Quiz-Fragen? Wenn ich eine Sendung mache, sie moderiere und verkaufe, heißt das doch nicht, dass ich mich selbst auch ausziehe. Das ist doch auch wieder diese deutsch-spezifische Denke. Aber gut, für PENTHOUSE will ich mal eine Ausnahme machen.
P: Ist denn im Ausland wirklich alles anders und besser?
B: Wenn ich mit meiner Frau in Frankreich bin und fernsehe, ach, es ist einfach erfrischend. Nur in Deutschland bekommt das Publikum von oben vorgeschrieben, was es gut und schlecht zu finden hat. Bei uns muss sogar eine Satire-Sendung als Satire kenntlich gemacht werden, weil man die Zuschauer für zu blöd hält, es selbst zu merken. Unglaublich. Das Publikum wird einfach mundtot gemacht. Und warum darf es keine Vielfalt nebeneinander geben?! Ich muss ja nicht sehen, was ich nicht sehen will. Schließlich gibt es Umschalt- und Abschaltknöpfe.
P: Haben Sie schon einmal daran gedacht, auszuwandern?
B: Ja, natürlich, aber wahrscheinlich noch nicht ernsthaft genug. Außerdem versuchen wir Privaten ja gerade, neue Wege und Formen für gute Unterhaltung zu finden.
P: Glauben Sie, dass ARD und ZDF langfristig nur noch in der zweiten Reihe sitzen?
B: Absolt. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Es ist erschreckend, wenn man z.B. die klassische öfentlich-rechtliche Samstagabend-Unterhaltung sieht. Da werden Gebühren-Millionen für stinklangweilige Sachen rausgeworfen. Das geht alles billiger und besser. Nimm einen Mann wie Frank Elstner, der war früher so gut. Heute macht der so eine Krankheit wie „Nase vorn“. Dabei kann der viel, viel mehr.
P: Was sind die Ursachen für zu teure und zu langweilige Unterhaltung?
B: Das Problem von Leuten wie Frank ist, dass sie diese verdammte Ja-Sager-Mafia hinter sich haben. Zu allem, was du machst, sagen die „ja“ und „amen“. Heraus kommen dann langweilige Sendungen, die den Weg des kleinstmöglichen Widerstandes gehen und damit eben auch den Zuschauer zu Tode langweilen. Wenn wir eine Sendung wie „Alles Nichts, Oder?!“ machen, gibt es zig kritische Leute vom Autor bis zum Regisseur, die Dir im entscheidenden Moment sagen: „Vorsicht, das ist Schwachsinn, weil…, mach das lieber anders!“ Das ist nie böse gemeint, denn schließlich geht es um die Sache.
P: Wie gefällt Ihnen „Wetten dass…?“?
B: Das Ding steht und fällt mit Gottschalk. Der könnte ebensogut was anderes machen. Gegen den Mann gibt es auch überhaupt nichts zu sagen. Wenn man sieht, wie der an ’ne Sache rangeht, das ist schon phantastisch.
P: Haben Sie eine Lieblingssendung im deutschen Fernsehen?
B: Ein guter „Scheibenwischer“ ist für mich perfekte Unterhaltung.
P: Wie sieht Ihre eigene Traumsendung aus?
B: In Frankreich gibt es eine Sendung, die schon seit Ewigkeiten Samstag abends läuft und „Champs-Elysées“ heißt. Sie hat den großen Vorteil, dass man dort nichts gewinnen kann. Der Moderator unterhält sich mit Stars, interessanten Gästen, erzählt von lustigen Aktionen. Zwischendurch gibt’s Musik, es ist wunderbar, Unterhaltung pur eben.
P: Aber was ist daran so neu oder anders?
B: Es gibt ja dieses schöne Wort „Back to the roots“. DAs ist genau das, was Peter Frankenfeld gemacht hat. Ein bisschen spinnert, ein bisschen verrückt, mit Schmiss, guten Jokes und guten Gags drin. Vorweg keine Proben, keine Absprachen, damit die Sache Leben und Spontanität hat. Kurz – einfach eine Show, bei der man zu Hause gern vorm Fernseher sitzt, sich unterhalten lässt und sein Bier trinkt. Merh nicht.
P:Wo würden Sie „Alles Nichts, Oder ?!“ einordnen?
B: Das ist reiner Klamauk ohne tiefere Bedeutung. Im Grunde geht es dort noch nicht einmal darum, groß etwas von dern Gästen zu erfahren. Eigentlich unterhalten wir uns sowieso nur aus Höflichkeit mit den Leuten. Der Rest ist reine Tortenwerferei – Spaß eben!
P: Wie kommen Sie mit Ihrer Partnerin Hella von Sinnen klar?
B: Mit Hella ist das so: Durch „Alles Nichts, Oder?!“ ist sie plötzlich unheimlich noch oben gekommen und populär geworden. Das ist ihre erste TV-Geschichte überhaupt, und das muss sie jetzt erst mal verdauen. Bei manchen Leuten dauert das eben ein bisschen länger.
P: Hella von Sinnen sagt, dass sie „Tutti Frutti“ völlig „unerotisch“ finde und hofft, dass Sie, Herr Balder, durch die Sendung nicht „impotent“ würden? Gibt’s Krach zwischen Ihnen?
B: Dazu muss man zunächst eines wissen: Hella ist lesbisch und bekennt sich auch dazu. Völlig in ordnung. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Oder wie André Heller mal so schön gesagt hat: „Ich will, dass es das alles gibt, was es gibt.“ Finde ich auch…
P: Wo liegen jetzt Ihre Schwierigkeiten?
B: Das Problem war dann, dass Hella durch ihr lesbisches Umfeld ständig gegen mich aufgehetzt wurde und in mir oft nicht mehr ihren Partner, sondern nur noch den „bösen Tutti Frutti-Menschen“ sah, der die armen, armen Frauen auszieht. Da gab es dann auch „Alles Nichts, Oder?!“-Sendungen, wo sie einfach den Dreh nicht mehr gekriegt hat und mich richtig fertigmachen wollte.
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P: Haben Sie über dieses Problem schon mit ihr gesprochen?
B: Ja, wir haben uns darüber unterhalten, und ich hoffem dass das nun erledigt ist. Ich sage jetzt, vielleicht macht Hella irgendwann mal das „Weiber-Magazin“ im TV, das sie in Planung hat, und dann sind wir quitt. Bis dahin müssen wir uns vertragen.
P: Was machen Sie, wenn Sie mal genug von Fruchtsymbolen, Länderpunkten, Slot-Machines, nackten Girls, umherfliegenden Torten und Streitereien haben?
B: Dann setze ich mich zu Hause an mein Klavier und klimpere einfach ein bisschen herum. Das entspannt mich wahnsinng. Da geht es mir so wie anderen Leuten, wenn sie in ihr Aquarium gucken. Da bin ich Mensch.


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